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Gefängnis oder Millionär

Ein Schuldirektor stellte Richard Branson eine Prognose. Sie sagt weniger über Branson aus als über ein System, das an einer entscheidenden Stelle rät, statt wirklich hinzusehen: bei der Frage, was nach der Schule kommt.

8 Min. Lesezeit
Richard Branson mit seiner Cebras-Ehrenmitgliedschaft

Als Richard Branson mit sechzehn die Stowe School verließ, gab ihm sein Direktor Robert Drayson einen Satz mit auf den Weg: Er werde entweder im Gefängnis landen oder Millionär werden.

Heute ist das eine Anekdote. Damals war es ein Urteil. Branson hat Legasthenie, Lesen und Schreiben fallen ihm schwerer als den meisten anderen. In der Schule machte ihn das nicht interessant, sondern auffällig. Er war jemand, der nicht ins Raster passte, jemand, für den es keine brauchbare Kennzahl gab. Also griff das System zur einzigen Kategorie, die übrig blieb: Risiko.

Aus dem Jugendlichen, dem man das Gefängnis vorhergesagt hatte, wurde der Gründer einer der bekanntesten Unternehmensgruppen der Welt. Und seit Jahrzehnten nutzt Branson seine Reichweite, um für jene zu sprechen, denen man früh gesagt hat, sie genügten nicht.

Bemerkenswert an dieser Geschichte ist nicht, dass der Direktor sich geirrt hat. Bemerkenswert ist, dass die Schule überhaupt eine Prognose abgegeben hat, obwohl sie über die entscheidenden Merkmale nichts wusste. Sie hatte Noten. Sie hatte kein Instrument, um zu erfassen, wie dieser Schüler denkt, entscheidet und arbeitet.

Der teuerste Moment im Bildungsweg

Diese Lücke fällt nirgends so stark ins Gewicht wie an der Schwelle nach der Matura. Innerhalb weniger Monate wird eine Entscheidung getroffen, die den weiteren Weg über Jahre festlegt, und sie wird auf einer erstaunlich dünnen Grundlage getroffen.

Auf der einen Seite steht ein Angebot, das kaum überblickbar ist. Allein die Plattform studium.at listet über 2.700 Studienprogramme in Österreich. Auf der anderen Seite stehen Schulnoten, vielleicht ein Praktikum, ein Tag der offenen Tür und die Einschätzungen von Menschen, die es gut meinen, aber selten mehr wissen als die Betroffenen selbst.

Was daraus folgt, ist gut dokumentiert.

Von den Erstimmatrikulierten einer Kohorte, die Statistik Austria über zehn Jahre verfolgt hat, haben 27,2 Prozent ihr Studium ohne Abschluss beendet. Knapp jede dritte Studienentscheidung führt also nicht dorthin, wohin sie führen sollte.

Parallel dazu steht ein erheblicher Teil einer Altersgruppe ganz außerhalb des Systems: In Österreich waren zuletzt 121.930 Personen zwischen 15 und 24 Jahren weder in Ausbildung noch erwerbstätig noch in einer AMS-Schulung, das sind 12,9 Prozent dieser Altersgruppe.

Und wer welchen Weg einschlägt, hängt nach wie vor stark davon ab, woher jemand kommt. Von den 25- bis 44-Jährigen, deren Eltern höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, erreichen 9,4 Prozent selbst einen Hochschulabschluss. Bei Kindern von Akademiker*innen sind es 61,3 Prozent.

Keine dieser Zahlen misst Begabung. Sie messen, wie zuverlässig Herkunft, Zufall und fehlende Passung darüber entscheiden, wer sein Potenzial ausschöpft und wer nicht.

27,2%
brechen ihr Studium ab
121.930
junge Menschen ohne Ausbildung, Job oder AMS-Schulung (NEET)
9,4% vs. 61,3%
Hochschulabschluss je nach Bildung der Eltern

Warum es ausgerechnet bei den Starken schiefgeht

Es gibt eine verbreitete Annahme, dass Orientierung vor allem jene brauchen, die sich schwertun. Bei kognitiv besonders leistungsfähigen Schüler*innen ist oft das Gegenteil der Fall.

Wer vieles gut kann, hat kein Auswahlproblem im Sinne von zu wenigen Möglichkeiten, sondern im Sinne von zu vielen plausiblen. Jura, Medizin, Informatik, Wirtschaft, alles davon wäre machbar, und genau das macht die Entscheidung schwer statt leicht. Klassische Orientierungsinstrumente helfen an dieser Stelle wenig, weil sie darauf ausgelegt sind, grundsätzliche Interessensrichtungen zu unterscheiden. Wenn mehrere Richtungen gleichzeitig hohe Werte liefern, produziert das Verfahren eine Liste statt einer Entscheidungsgrundlage.

Dazu kommt ein zweites Muster: Wer in der Schule ohne besonderen Aufwand gute Noten schreibt, entwickelt keine Arbeitsstrategie, weil er sie nie gebraucht hat. Der Bruch kommt dann im ersten Semester, wenn Struktur von außen wegfällt. Die Noten der letzten Jahre haben darauf keinen Hinweis gegeben, weil sie den falschen Umstand gemessen haben.

Was eine bessere Grundlage leisten muss

Cebras ist aus dem Mensa-Umfeld entstanden und arbeitet am oberen Ende der Begabungsverteilung. In der Studienorientierung heißt das konkret: nicht fragen, wofür sich jemand interessiert, und daraus eine Berufsliste ableiten, sondern die Merkmale erfassen, die tatsächlich über Passung entscheiden.

Dazu gehören die kognitive Leistungsfähigkeit und ihr Profil, also nicht nur wie stark, sondern in welche Richtung. Dazu gehören Interessensstruktur, Arbeitsstil und Werte, weil ein Studium nicht nur inhaltlich passen muss, sondern auch in seiner Arbeitsform. Und dazu gehört die Frage, unter welchen Bedingungen jemand Leistung bringt und unter welchen nicht. Cebras kombiniert dafür etablierte psychologische Verfahren und wertet sie gemeinsam aus, statt jedes Ergebnis für sich stehen zu lassen.

Das Verfahren läuft vollständig online. Das ist kein technisches Detail, sondern der Grund, warum es unabhängig vom Wohnort und vom Terminkalender funktioniert. Ein persönliches Gespräch über die Ergebnisse ist möglich, aber es ist ein Zusatz und keine Voraussetzung.

Zwei Dinge sind dabei wichtig, weil sie oft vermischt werden. Das Ergebnis ist keine Prognose. Es sagt nicht voraus, wer erfolgreich wird. Und es ist kein Etikett. Ein Etikett schließt eine Frage ab, eine Grundlage macht die nächste Entscheidung besser.

Warum Richard Branson Ehrenmitglied ist

Cebras hat Richard Branson zum Ehrenmitglied ernannt. Co-Founder Benedikt Rettenbacher hat ihm die Ehrenmitgliedschaft auf Necker Island persönlich überreicht.

Der Anlass ist nicht das Unternehmensimperium. Der Anlass ist, dass Branson seit Jahrzehnten öffentlich für Menschen eintritt, deren Fähigkeiten in keinem Zeugnis vorkommen. Seine Geschichte sollte nicht die Ausnahme bleiben, die man erzählt, weil sie so selten ist. Sie sollte der Ausgangspunkt sein.

Denn das Ziel ist nicht, die wenigen zu feiern, die sich gegen das System durchgesetzt haben. Das Ziel ist, dass sich die nächste Generation nicht mehr durchsetzen muss, sondern von Anfang an weiß, womit sie arbeitet.

Die meisten Menschen erfahren nie, wozu sie tatsächlich in der Lage sind. Bei einer Entscheidung, die so viel festlegt wie die nach der Matura, ist das zu spät.

Quellen

  • Studienangebot: studium.at, Anzahl gelisteter Studienprogramme in Österreich.
  • Studienabbruch: Statistik Austria, „Bildung in Zahlen 2023/24“, Kohorte der Erstimmatrikulierten des Wintersemesters 2013/14 über zehn Jahre.
  • NEET-Zahlen: Statistik Austria, „NEETs im Wandel. Zahlen, Daten und Entwicklungen 2009 bis 2023“.
  • Bildungsvererbung: Statistik Austria, Erwachsenenbildungserhebung 2022/23.
  • Biografische Angaben zu Richard Branson: öffentlich dokumentiert, Stowe School, Direktor Robert Drayson.

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